Häusliche Pflege
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Häusliche Pflege 1Eigentlich wollte ich am 07.05.2010 eine Reportage übers Klettern fotografieren. Doch dann kam dieser Anruf von meiner Mutter: "Oma geht es schlecht, komm nach Hause!". Meine 90-jaehrige Oma hat Leberkrebs. Anstatt mit Freunden in den Alpen Spaß beim Klettern zu haben, sitze ich jetzt in meinem Heimatdorf Alsenborn in der Pfalz und muss akzeptieren, dass meine selbstständige, lebenslustige Oma nicht einmal mehr alleine aufs Klo gehen kann. Meiner Mama und meiner Schwester scheint es nichts auszumachen. Sie albern gemeinsam mit Oma herum und absolvieren ganz nebenbei die Pflege einer Schwerkranken - ohne fremde Hilfe. "Ein Tag Deutschland" ist meiner Familie gewidmet und all denen, die ihre Lieben zu Hause pflegen und den Tod als Teil des Lebens akzeptieren. Morgentoilette Elke Lohmann rollt ihrer Mutter Elfriede Buch die Haare auf. Seit ihrem 90. Geburtstag am 19.02. 2010 kann sich Frau Buch nicht mehr selbst versorgen. Doch sie legt - wie auch ihr ganzes Leben lang- immer noch viel Wert darauf, gepflegt auszusehen. -
Häusliche Pflege 2Oma Elfriede Buch aus Alsenborn, 90 Jahre und 3 Monate, geborene Weidebach. Sie war Näherin bei Pfaff, wo sie Peter Buch kennen lernte. Die beiden verlobten sich, doch bald darauf musste Peter in den Krieg ziehen. Er geriet in Kriegsgefangenschaft in Russland. Die junge Elfriede baute zerstörte Hauser wieder auf, bestellte Felder, versorgte Tiere, sammelte Feuerholz im Wald und musste fremde Soldaten aushalten, die Pfälzer Madchen als Freiwild betrachteten. All diese Zeit glaubte sie an die Liebe zu Peter und wartete geduldig. Nach 10 Jahren kehrte Peter zurück, und sie heirateten am Peterstag. -
Häusliche Pflege 3Krebs im Doppelpack: Hund Mirza bewacht den Schlaf von Frau Buch. Bei beiden wurde im vergangenen Jahr Krebs diagnostiziert: Frau Buch hat Leberkrebs, Mirza hat Rachenkrebs. Frau Buch: ,,Ich bin müde und warte jetzt. Aber mir ist nicht langweilig, mein Kind, ganz im Gegenteil! -
Häusliche Pflege 4Ausflug: Enkeltochter Rita Lohmann schiebt ihre Oma durch den Garten, Hund Mirza weicht nicht von der Seite. -
Häusliche Pflege 5Arztbesuch: Mutter und Tochter helfen Elfriede Buch ins Auto. Ein Arztbesuch steht auf dem Programm. Vor einer Woche stürzte Frau Buch und brach sich eine Rippe: ,,Es geht schon, es tut nicht so weh." Wie auch schon ihr ganzes Leben lang, ist Frau Buch hart im Nehmen und beklagt sich kaum. -
Häusliche Pflege 6Tägliche Massage: Enkeltochter Rita Lohmann massiert ihrer Oma die Füße, damit sie keine Wassereinlagerungen bekommt. Rita ist Ergotherapeutin und kennt sich mit der Pflege von alten Menschen aus: ,,Hauptsache ist, dass meine Oma nicht leiden muss und dass sie es so bequem wie möglich hat." Rita hat immer lustige Kommentare auf den Lippen und bringt ihre Oma ständig zum Lachen. -
Häusliche Pflege 7Helfende Hände: Elfriede Buch fallt es sehr schwer, fremde Hilfe zu akzeptieren. Sie war ihr ganzes Leben unabhängig und versorgte die anderen. Bis vor zwei Monaten kochte sie noch jeden Tag für sich und ihre Tochter Elke Lohmann. Ihr Lieblingsgericht sind Dampfnudeln- oder Zunge, die es jedes Jahr am ersten Weihnachtsfeiertag gibt, die aber schon zwei Monate vor dem Fest eingelegt werden muss. -
Häusliche Pflege 8Modeschau: Elke Lohmann hat ihrer Mutter ein neues Nachthemd gekauft. Elfriede Buch freut sich, aber schaut gleich auf den Preis: ,,Du gibst so viel Geld für mich aus? Das brauchst Du doch nicht!" Frau Buch war ihr ganzes Leben sehr sparsam: Als Näherin nähte sie ihre Kleidung, aber auch Vorhänge, Kissen und Bezüge selbst. Zerrissene Kleidung wurde nicht weggeworfen, sondern wieder genäht. Noch im letzten Jahr wurde das Gemüse im eigenen Garten angepflanzt, die Kartoffeln im Keller für den Winter eingelagert, das Obst der eigenen Obstbaume eingekocht. Essensreste wurden am nächsten Tag verarbeitet, so dass nichts weggeworfen werden muss. -
Häusliche Pflege 9Das kleine Mädchen: Eines der wenigen Fotos, die es von Elfriede Buchs Kindheit gibt. Stolz posiert das kleine Mädchen mit Cora, ihrem Schäferhund. Elfriede hat nie an einem anderen Ort gelebt als im Haus ihrer Eltern in Alsenborn. In Urlaub war sie nie weiter weg als in Frankreich, doch: ,,Das genügt mir! Ich bin hier so glücklich, warum soll ich weggehen?" Nun bereitet sie sich auf eine andere Art von Reise vor... -
Häusliche Pflege 10Helfende Hände: Der Tag geht zu Ende. Elke Lohmann bringt ihre Mutter ins Bett. Seit einigen Wochen verschränkt Elfriede Buch beim Schlafen die Hände - als wurde sie beten. Sie sieht dabei so friedlich aus. Eins mit sich und der Welt.
7. Mai 2010 - 7:47
Enkenbach-Alsenborn
Ulla Lohmann
Eigentlich wollte ich am 07.05.2010 eine Reportage übers Klettern fotografieren. Doch dann kam dieser Anruf von meiner Mutter: "Oma geht es schlecht, komm nach Hause!".
Meine 90-jaehrige Oma hat Leberkrebs. Anstatt mit Freunden in den Alpen Spaß beim Klettern zu haben, sitze ich jetzt in meinem Heimatdorf Alsenborn in der Pfalz und muss akzeptieren, dass meine selbstständige, lebenslustige Oma nicht einmal mehr alleine aufs Klo gehen kann.
Meiner Mama und meiner Schwester scheint es nichts auszumachen. Sie albern gemeinsam mit Oma herum und absolvieren ganz nebenbei die Pflege einer Schwerkranken- ohne fremde Hilfe.
“Ein Tag Deutschland” ist meiner Familie gewidmet und all denen, die ihre Lieben zu Hause pflegen und den Tod als Teil des Lebens akzeptieren.